Das Buch direkt bei Amazon bestellen Christiane Dieckerhoff
Spreewaldgrab

(1. Band)
Ullstein TB
ISBN: 978-3-548-28760-7

Polizistin Klaudia Wagner lässt sich vom hektischen Ruhrgebiet in den idyllischen Spreewald versetzen. In Lübbenau ist es allerdings wenig beschaulich. Zwischen den Kanälen und Fließen verbergen sich Geheimnisse und nie vergessene Schicksale.
So auch in ihrem erstem Fall: Ein Unternehmer wird tot aufgefunden, seine Geliebte ist verschwunden. Dann findet Klaudia tief im Wald vergraben das Skelett einer jungen Frau.
Regen und Nebel ziehen im Spreewald auf und Klaudia droht, sich bei den Ermittlungen selbst zu verlieren. Sie muss erkennen, dass die Idylle nicht nur trügt, sondern eine teuflische Kehrseite hat.

Rezension:
Schlimm genug, dass Klaudia Wagners Beziehung nach 18 Jahren zerbrochen ist, da ihr Ex aber auch gleichzeitig der Chef war, will und muss sie sich auch beruflich vom Ruhrgebiet in den Spreewald verändern. Dass sie von der ganzen Sache nach einem Hörsturz eine Taubheit auf der rechten Seite zurückbehalten hat, verrät die Vierzigjährige allerdings niemandem. Auch nicht, dass sie seitdem regelmäßig Vomex nimmt, um ihre Übelkeit erregenden Schwindelattacken zu bekämpfen.
Das Ankommen an der neuen Wirkungsstätte gelingt ihr nicht wirklich reibungslos – unfreiwillig wird sie in die Eheprobleme des Vermieters (auch er ein Kollege, allerdings im ungeliebten Innendienst im Bürgerbüro tätig) hineingezogen, dessen Frau völlig ungeplant einen Nachzügler erwartet, was zu Konflikten nicht nur mit der Teenagertochter führt.
Auch beruflich ist zunächst der Wurm drin: Wie alle Neulinge wird sie nach der Beschwerde über Vandalismus einer polizeibekannten, verwirrten alten Dame zunächst per Kahn zu einem Einsatzort geschickt, der sich auch per Auto hätte erreichen lassen. Dann allerdings ist Schluss mit lustig – in einer Datsche liegt ein toter Mann. Seine Witwe, eine Malerin, deren wuchtige Riesenbilder aus Acryl nicht nur das Wochenendhaus zieren, ist Trinkerin, was bei Wagner schnell Erinnerungen an die eigene Mutter wach werden lässt. Die Frau ist bestürzt, doch scheint sie etwas zu verschweigen – ebenso wie der Sohn, Mittdreißiger, der ebenfalls im väterlichen Unternehmen tätig ist und mit seinem Ehemann, einem Arzt, wie die Eltern in Berlin lebt.
In regelmäßigen Einschüben trifft der Leser auf eine offenbar gefangen gehaltene Frau, die sich immer mehr in durch Schmerz ausgelösten Wahnvorstellungen verstrickt und nicht weiß, wie ihr geschieht, während sie immer wieder Kinderstimmen alte Volkslieder singen hört.
Wagner, die zwar kein sorbisch spricht, aber über eine gute Beobachtungsgabe verfügt, wird schnell klar, dass die Arbeit des verstorbenen Unternehmers als Gutachter im Zusammenhang mit CO²-Speicherung ein gewisses Konfliktpotential mit sich brachte. Vor allem die Umweltgruppe rund um den evangelischen Pfarrer scheint einen zweiten Blick wert zu sein.
Parallel dazu knüpft die Kommissarin, der ein unbekannter Rosenkavalier immer wieder Blumen zukommen lässt, vorsichtige Bande zu einem Kollegen, der den Ruf weg hat, nach einer unglücklichen Liebe in der Vergangenheit lieber Einzelgänger bleiben zu wollen. Leider wird sie gerade dann von den Ereignissen rund um ihren Ex und seine Neue so aus der Bahn geworfen, dass sie in eine kompromittierende Situation gerät, die sich auf sämtliche privaten und beruflichen Beziehungen auswirkt. So sieht sie sich, trotz ihrer Erfolge bei diversen Verhören und dem Fund von Knochen einer weiteren Leiche, der letztendlich ihrer Hartnäckigkeit zu verdanken ist, Anfeindungen ausgesetzt.
Dann jedoch überschlagen sich die Ereignisse – es gibt weitere Tote, eine Entführung, einen blutigen und nervenzerfetzenden Showdown und ein Ende, das nur in Teilen wirklich „happy“ ist. Allerdings auch so vielversprechend, dass man unbedingt einen zweiten Band lesen möchte.
Ein Roman, der es in der Tat versteht, einerseits eine malerische und friedvolle Atmosphäre zu kreieren, in der man sich am liebsten selbst in einen Kahn legte, um durch die wilden Seitenarme der Spree zu gleiten, andererseits ein Bild malt von in Finsternis und Trostlosigkeit gefangenen Seelen, für die es kein Entkommen gibt – egal, ob ihr Gefängnis ein äußeres oder ein inneres ist. Spannend bis zum Ende, dabei immer wieder unerwartet poetisch, macht das Buch definitiv Lust auf mehr.

Miss Sophie