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Original: The Devil's Teardrop
Am Silvestermorgen des Jahres 1999 feuert in Washington, D.C. ein Unbekannter in einer U-Bahn-Station wild in die Menge und entkommt unerkannt. Resultat: 23 Tote und 37 Verletzte.
Rezension:
Wer die anderen Bücher des Autors kennt, darf sich auf ein Wiedersehen mit Tobe Keller, dem sonnengebräunten Kommunikationstechniker aus "Schule des Schweigens" und auf einen Gastauftritt von Lincoln Rhyme, dem gelähmten und doch so genialen New Yorker Ermittler und bisher dreifachen Serienhelden freuen.
Miss Sophie
Gastrezension(en): Name: Michael Drewniok
Washington, D. C., Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika, Sitz des Präsidenten und damit ein Ort, der sowieso rund um die Uhr im Brennpunkt des Interesses und der Medien steht; am Silvestertag des Jahres 1999 zusätzlich überlaufen von zahlreichen Touristen, die das Millennium an prominenter Stätte feiern möchten: Gibt es einen geeigneteren Ort, um eine groß angelegte Erpressung zu starten?
Gilbert Havel, das skrupellose Verbrechergenie, will von der Stadt 20 Millionen Dollar erpressen. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, lässt er seinen Partner, den unheimlichen "Digger", in einer U-Bahn-Station wahllos mit einer Maschinenpistole in die Menge schießen und droht, ähnliche Anschläge in kurzen Abständen wiederholen zu lassen.
Zwei Dutzend Menschen tot, noch weitaus mehr verletzt, und Polizei wie FBI sehen keine Chance, den Erpresser vor der nächsten Attacke zu fassen: Bürgermeister Jerry Kennedy sieht keine Chance, als das Lösegeld zu zahlen - doch noch vor der Übergabe kommt Havel bei einem Verkehrsunfall ums Leben ...
Hat sich der Fall damit von selbst erledigt? Keineswegs, denn der "Digger" ahnt nichts vom Ende seines Auftraggebers, sondern folgt weiterhin seinen Anweisungen, die da lauten, weiter zu morden, bis das Gegenteil angeordnet wird ...
Für Margaret Lukas, stellvertretende leitende Agentin der FBI-Außenstelle im District of Columbia, und ihren Kollegen Cage beginnt die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Als "Spur" gibt es praktisch nur Havels Erpresserbrief. In dieser Situation erinnert sich Cage an einen früheren Kollegen. Parker Kincaid war einst d e r Handschriftenexperte des FBI, hatte seine Stelle jedoch aufgegeben, nachdem ein rachsüchtiger Psychopath ihn und seine beiden Kinder beinahe ausgelöscht hatte. Nun schlägt er sich freiberuflich recht erfolgreich durch und ist von daher wenig geneigt, zum FBI zurückzukehren, zumal ihm seine Ex-Frau gerade das Sorgerecht für die Kinder entziehen lassen will und ihrem Anwalt das Wissen um Kincaids Beteiligung an der Jagd auf einen gemeingefährlichen Massenmörder dabei sehr gelegen käme.
Unter diesen Voraussetzungen kommen die Ermittler nur mühsam voran. Zwar ergeben sich einige neue Spuren, als Kincaid einen weiteren Spezialisten aus New York - den legendären, vom Hals abwärts gelähmten Tatort-Analytiker Lincoln Rhyme - zu Rate zieht. Doch die wahre Gefahr ist den Beteiligten noch gar nicht bewusst: Der "Digger" ist weniger Täter als selbst Opfer; nachdem ihn vor Jahren eine Kugel in den Kopf traf, gibt es für ihn kein Bewusstsein für Schuld, Rücksicht oder Nächstenliebe mehr. Geschickt hatte sich Havel dies zu Nutze gemacht und sich eine perfekte Mordmaschine herangezogen, die sinnlos immer weiter töten wird, weil niemand ihr mehr Einhalt gebieten kann ...
Dazu kommen die üblichen zwischenmenschlichen Irrungen und Wirrungen - Parker Kincaids Los als allein erziehender, von der selbstsüchtigen Ex-Frau verfolgter Vater; Margaret Lukas’ hinter harter Schale sorgsam verborgen gehaltene, tragische Vergangenheit; selbstverständlich harte Bullen und smarte Feds sowie allerlei selbstsüchtige, korrupte und gewissenlose Politiker und Medienhaie, die gar zu gern im Umfeld der "Metro-Morde" zu Ruhm und Geld kommen würden: Fertig ist ein moderner Thriller der besseren Machart!
Dies klingt zynischer als es gemeint ist. "Die Tränen des Teufels" ist ein Roman, der nichts wirklich Neues zum Genre beizutragen, aber immerhin durchweg auf überdurchschnittlichem Niveau zu unterhalten weiß. Würde man Jeffery Deavers übriges Werk nicht kennen, gäbe es wohl zur Klage kaum einen Anlass (auch wenn es nach dem Geschmack ihres Rezensenten hier und da gar zu sehr und offensichtlich menschelt).
Aber da sind die beiden Thriller, die Deaver vor "Die Tränen ..." um den gelähmten Ermittler Lincoln Rhyme geschrieben hat, der hier ja ein (quotenträchtiges, aber der Handlung seltsam aufgepfropft wirkendes) Gastspiel gibt. Wer diese kennt, wird sehr rasch erst verblüfft und dann ein wenig ärgerlich feststellen, dass Deaver mit Parker Kincaid einfach einen Lincoln Rhyme erschaffen hat, der laufen kann. Wenn das Duo mit Mikro- und Spektroskop und allen High Tech-Instrumenten hantiert, die das moderne Untersuchungslabor heutzutage hergibt, kann man es eigentlich nicht auseinanderhalten.
Dasselbe gilt für die Menschen, mit denen Deaver Kincaid bzw. Rhyme umgibt. Auch sie könnten in jeder der beiden Serien auftreten, stammen sie doch aus demselben Baukasten stromlinienförmiger Allerweltsfiguren, denen bei Bedarf einige persönlich anmutende, tatsächlich aber austauschbare Charakterzüge aufmontiert werden.
Trotzdem ist "Die Tränen des Teufels" beileibe kein schlechter i. S. von langweiliger Thriller, denn dafür beherrscht Deaver die Regeln des Genres viel zu gut und ist darüber hinaus zwar kein mitreissender, aber sehr kompetenter Geschichtenerzähler. Bei der Schilderung moderner Ermittlungsmethoden jenseits polizeilicher Fußarbeit ist er sichtlich in seinem Element, hat sorgfältig recherchiert, möchte mit seinen Kenntnissen nicht hinter dem Berg halten und schafft es auch, seine Leser zu fesseln. Wenn Kincaid manches Mal gar zu tief in die Wundertüte greift, als dass man seinen überraschenden Entdeckungen Glauben schenken mag, hilft die Erinnerung an diverse James Bond-Abenteuer, deren Unterhaltungswert durch objektiv lachhafte Science Fiction-Elemente auch nicht zu leiden pflegte.
Einen dicken Pluspunkt kann Deaver darüber hinaus mit der Figur des "Diggers" verbuchen. Dies ist um so verblüffender, da er hier zunächst eine Figur aus der Mottenkiste des Thrillers präsentiert: den irren Psychopathen, mehr Roboter oder Zombie als Mensch, der unbeirrbar und scheinbar unverwundbar wie Michael "Halloween" Myers von Mord zu Mord stapft. Aber wie jedes gute Monster trägt auch der "Digger" tragische Züge und ist nicht allein für seine Taten verantwortlich zu machen. Das macht ihn nicht ungefährlicher und hätte von Deaver übrigens auch nicht durch die plötzlich aufkeimende, aber schwer nachzuvollziehende Freundschaft zwischen dem "Digger" und einem armen, misshandelten, kleinen Jungen massenpublikumswirksam verkitscht werden müssen; hier zeichnet sich wohl schon das Drehbuch zum gleichnamigen Film ab.
Wiederum nicht wirklich neu, aber selten verwendet und per se interessant ist natürlich das Konzept eines Killers, der ahnungslos, aber entschlossen eine Mission erfüllt, die längst sinnlos geworden ist. Und wie stoppt man einen solchen Bösewicht, wenn nach dem Tod des Auftraggebers keine direkte Spur mehr zu ihm führt? Bekanntlich gelingt der perfekte Mord stets dann am besten, wenn dem Täter kein Motiv und keine Verbindung zum Opfer nachzuweisen sind. Der "Digger" ist in dieser Beziehung der Albtraum jedes Kriminalisten, während der Leser aus der Sicherheit seines gemütlichen Ohrensessels gespannt verfolgt, wie kluge Köpfe diese Klippe zu meistern suchen - und im obligatorischen großen, blut- und bleihaltigen Finale selbstredend siegreich bleiben.
P. S. 1: Lasse ich die Katze allzu früh aus dem Sack? Keine Sorge; Jeffery Deaver legt selbst die Karten schon sehr früh auf den Tisch. Spannung erzeugt nicht das Rätselraten über den oder die Täter, sondern die Beobachtung der Fahndung, bei der sich Jäger und Gejagter allmählich näher kommen.
P. S. 2: Was den etwas kryptischen Titel betrifft - er stellt ein Wortspiel dar und bezeichnet in der Graphologie (der Wissenschaft, Handschriften nicht nur zu entziffern, sondern zu deuten und Rückschlüsse auf den Schreiber zu ziehen) eine ganz bestimmte (und damit verräterische) Art, Buchstaben aufs Papier zu setzen. | |