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Vorabdruck des Monats

Robert Herbig
Tödliche Lilien

Klappentext:

7. Bergstraßen-Krimi Kehl Verlag, Broschur ISBN: 978-3-935651-42-4 Ein brutaler Mord an einem Geistlichen erschüttert die Bergstraßenregion. So dramatisch hatte sich Holger Herbst seinen Dienstbeginn bei der Kripo Heidelberg nicht vorgestellt. Sein Team steht vor einem Rätsel. Was verbirgt Monsignore Thalmann?
Bald geschehen weitere Morde, die eine blutige Gemeinsamkeit aufweisen. Überraschend erhält der Kommissar Unterstützung von seiner Schwester, der Krimiautorin Lea Schielke.
Sie ist eigentlich in ihre Heimatstadt Weinheim gereist, um eine Schreibblockade zu überwinden. Doch mit kriminologischem Gespür und Beobachtungsgabe liefert sie wichtige Hinweise - bis sie plötzlich verschwindet.
Schließlich verfolgen die Ermittler eine Spur, die bis in den Vatikan führt ...

Neugierig geworden?
Auf dieser Website finden sich zahlreiche weitere Informationen (auch Lesungstermine).

Teil 1 und 2 (von 4 Teilen) des Vorabdrucks (die folgenden Teile werden jeweils im Wochenrhythmus bereitgestellt):

© Kehl Verlag, Hamm am Rhein

Speziell für die Leser von www.krimi-forum.de hat der Autor einige der spannendsten Stellen seines Romans ausgewählt.

***

Er hatte Mordgedanken, wenn er an ihn dachte. Daran dachte, ihn langsam ausbluten zu lassen, ihm die Haut bei lebendigem Leib abzuziehen und ihn danach in einen großen Bottich mit Salz zu stecken, bei dem nur noch der Kopf herausgucken würde. Leiden sollte er, leiden, so wie er gelitten hatte.

***

Kurt Bresser fuhr langsam den Hauptweg zu Feld D hinauf und dachte sich unentwegt neue Qualen für den Verlobten seiner neuen Eroberung aus. Er fühlte sich müde, erschöpft, und er war heilfroh, an diesem frühen Montagmorgen allein unterwegs zu sein. Die Morgensonne kam noch nicht so richtig durch das dichte Blätterdach, der Weg vor ihm lag immer noch im Halbdunkel.
Kurts Rücken wies heftige Kratzspuren auf, er hatte Muskelkater in fast allen Körperteilen. Das Wochenende war äußerst anstrengend gewesen – die dralle Elvira, die er in einer Mannheimer Disco kennengelernt hatte, verlangte ihm in der letzten Nacht alles ab, was er zu geben bereit war. Gegen 03.00 Uhr hatte sie sich jedoch wortlos angezogen, um Kurts Wohnung zu verlassen. Auf die Frage, warum sie nicht bis zum Frühstück bliebe, erklärte sie Kurt lächelnd und scheinbar ohne schlechtes Gewissen, dass ihr Verlobter, der am Morgen von seiner Schicht käme, sie dann wohl vermissen würde.
Kurt war 28 Jahre alt, ledig und leicht übergewichtig. Er arbeitete seit drei Jahren für die Friedhofsgärtnerei Pressler, die direkt neben dem Weinheimer Friedhof ihren Sitz hatte. Bei seinen Kollegen in der Firma alles andere als beliebt, glaubte er selbst, dass alle ihn für den Größten hielten. Sein Übergewicht und die Tatsache, dass er ledig war, standen in seinen Augen in keinem Zusammenhang.
Heute Morgen hatte Kurt seinem Chef Bescheid gesagt, dass er sich um Feld D kümmern würde, und sich ächzend in den kleinen, engen Pritschenwagen gesetzt. Er war über den Parkplatz in das Friedhofsgelände hineingefahren, hatte Georg Winter, einem Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung, mechanisch einen Gruß zugeworfen, nebenbei einen korpulenten Besucher mit einer Kamera registriert und war jetzt auf dem Weg zu Feld D. Immer noch Aggressionen gegen den Verlobten von Elvira hegend, achtete Kurt kaum auf den Weg. Ziemlich spät erst sah er die mannshohe Jesusfigur aus Stein, die das ganze Grabfeld überragte. Etwas störte Kurt heute an der Figur. Als er noch etwa 30 Meter davon entfernt war, wusste er, was es war: Er sah nicht nur den mittlerweile durch die Witterung stark ramponierten Leib von Jesus, der da heute Morgen ausgestreckt am steinernen Kreuz hing. Da hing auch ein Mann. Ein Mann ganz in Schwarz gehüllt. Die schlichte Priesterkleidung, die die Person trug, war über und über mit Blut getränkt. Es war ein toter Mann.

***

An der Tür hing der schwarze Priesterrock, der in die Reinigung sollte. Es waren ein paar Flecken drangekommen. Etwas Gras, etwas Erde.
Was eben auf einen Anzug kommt, wenn man auf einem Friedhof unterwegs ist. Es war kein Blut auf dem Anzug, da war er sich sicher. Nein, kein Blut, er hatte aufgepasst. Nur Gras. Gras und Erde. Kein Blut.
Er zitterte, als er Whisky nachgoss. Kein Blut.

***

»Du hast drei Monate Zeit!«
Lea schüttelte den Kopf. »Das ist unmöglich!«
»Drei Monate, keinen Tag länger.«
Verena van Doom versuchte, ein geschäftsmäßiges Gesicht zu machen. Nach wenigen Sekunden gab sie es auf. Mitleid machte sich auf ihrem Gesicht breit.
»Lea, wir müssen den Zeitplan einhalten, du weißt, wie wichtig das ist. In weniger als zwei Monaten ist die Frankfurter Buchmesse, die schaffen wir nicht mehr, aber Mitte März ist die Messe in Leipzig, bis dahin muss ich etwas vorweisen können. Ich kann dir, bei aller Freundschaft, nicht mehr Zeit geben.«
»Du bist die Chefin, Verena! Gib mir sechs Monate, das reicht, mehr will ich doch gar nicht.« Lea Schielke zündete sich eine Zigarette an und nahm sich wieder einmal vor, das Rauchen endlich aufzugeben. »Sechs Monate würden reichen. Bestimmt!«
»Das hast du vor einem halben Jahr schon gesagt und jetzt stehen wir beide mit leeren Händen da.«
Lea zog heftig an der Zigarette. Sie schüttelte den Kopf. »Da war die Scheidung von Claus, die Wohnungssuche ...«
»Liebes, das weiß ich alles. Unser Verlag kann es sich aber nun mal nicht leisten, auf deine Scheidung Rücksicht zu nehmen. So groß sind wir nicht. Noch nicht!« Sie betonte das noch im zweiten Satz.
»Ich habe momentan den Kopf nicht frei. Da ist eine Sperre, ein Riegel.« Lea drückte die halb gerauchte Zigarette im Ascher aus. »Das wird wieder, ganz bestimmt!«
Verena nickte. »Völlig richtig erkannt. Du musst abschalten. Kraft tanken. Fahr irgendwohin, wo du in aller Ruhe an deinem Manuskript arbeiten kannst. Die Recherche ist doch abgeschlossen, oder?«
Lea nickte. »Mit der Recherche bin ich lange fertig. Ich habe tonnenweise Material, ich hab auch den Plot schon im Kopf. Nur schreiben muss ich das Buch noch.« Mit einem ironischen Blick sah sie Verena an. »Wo soll ich denn hin? In ein Kloster? In die Berge? Auf eine Insel? Claus würde mich überall finden und belästigen. Er hat die Scheidung noch lange nicht überwunden. Dass ich ihn verlassen habe, wird er mir nie verzeihen.«
Verena stand von ihrem Schreibtisch auf und stellte sich direkt vor Lea hin. Sie bückte sich zu ihr hinunter und legte ihre Hände auf Leas Schultern.
»Du kommst doch aus dem Badischen, von der Bergstraße, oder?«
»Ja, warum?« Leas Ton klang misstrauisch.
»Dein Bruder ist Polizeibeamter, wenn ich das richtig in Erinnerung habe?«
Lea nickte. »Holger ist Polizist, richtig. Warum fragst du das jetzt?«
Verena lächelte. »Dann ist alles klar! Du fährst zu deinem Bruder in die Provinz. Weg von Berlin, weg von Claus, weg von deiner Schreibblockade ...«
Lea protestierte halbherzig. »Ich habe keine Schreibblockade! Es ist doch nur ... wegen der Scheidung und so ...«
Verena schüttelte den Kopf.
»Mir ist völlig egal, was dich blockiert, irgendetwas tut es jedenfalls. Du kannst dir nach dem Erfolg von ‚Mord unterm Sternenhimmel’ nur leider keine Blockade leisten. Wir müssen deinen nächsten Roman veröffentlichen, solange die Leser deinen Namen noch kennen. Das ist jetzt schon schwer genug, nach weiteren sechs Monaten des Schreibens und weiteren Monaten Vorlaufzeit wäre das praktisch unmöglich. Wir brauchen aber etwas Spielraum vor der Messe zum Lektorieren und Korrigieren, zum Setzen des Textes, für das Layout, etc.. Du weißt ja, die Branche ist hart, also muss ich es auch sein, tut mir leid.« Lea wollte protestieren, aber Verena schnitt ihr das Wort mit einer Handbewegung ab. »Du fährst in die Provinz und schreibst dort in aller Ruhe deinen Roman!«, wiederholte sie mit Nachdruck.
»In spätestens drei Monaten lieferst du ab. Ende der Diskussion!«

***

Holger Herbst, seines Zeichens frisch gebackener Kriminalkommissar, öffnete schläfrig die Augen. Die Sonne blendete ihn, ein leicht monotones Summen hinderte ihn daran, gleich wieder einzuschlafen. Mit der Hand deckte er seine Augen ab und tastete nach dem Grund für das Summen. Er lehnte sich aus dem Bett. Darunter wurde das Geräusch lauter. Urplötzlich wurde er hellwach. Der Wecker? Hektisch nahm Holger seine Armbanduhr vom Nachttisch und blickte auf das Zifferblatt. Es war halb acht, um acht sollte er seinen Dienst im Heidelberger Kommissariat antreten. Mit einem Sprung war er aus dem Bett und in seinen Hosen. Unter dem Bett fand er nicht nur seine Schuhe, sondern auch seinen Wecker, der mit einer großen Decke bedeckt war.
»Minkaaaa! Ich bring dich um, elendes Terroristenvieh!«, schrie er.
Zwei Minuten später kam er in Shorts in die Küche gestürmt, wo sein Vater Paul schon am Tisch saß und die Tageszeitung las.
»Spät dran?«
»Minka hat meinen Wecker wieder mal unter einer Decke versteckt. Scheinbar fühlte sie sich vom Lärm belästigt. Irgendwann bring ich dieses Katzenvieh um.«
Er schenkte sich einen Kaffee ein und trank das heiße Getränk, während er sich hektisch das Hemd anzog.
»Willst du nichts essen?«
Holger schüttelte den Kopf. »Keine Zeit, ich muss in ...«, er sah auf die Uhr, »... oh Scheiße, in zehn Minuten in Heidelberg sein.«
»Nimm dir ein Brötchen und iss in aller Ruhe.«
Holger sah seinen Vater verständnislos an.
»Hallo? Red ich Suaheli? Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Ich muss nach Heidelberg ins Kommissariat, das ist heute mein erster Tag im Präsidium.«
Sein Vater schüttelte den Kopf.
»Loss der Zeit. Du wirst sehen, die kommen zu dir.« Als sein Sohn ihn mit blödem Gesichtsausdruck ansah, zog er den Stuhl neben sich zurück und klopfte darauf.
»Ich war heute Morgen schon unterwegs. Am Friedhof stand der Kessler Günther mit seinem Streifenwagen. Er hat mir erzählt, man habe einen Toten auf dem Friedhof gefunden. Blutüberströmt und an ein Kreuz gebunden. Allem Anschein nach ein ermordeter Pfarrer. Ich hab Günther gesagt, ich würde dich vorbeischicken, das hat ihn sichtlich beruhigt. Er wollte den Kollegen in Heidelberg Bescheid geben und ihnen auch sagen, dass du direkt zum Tatort kommst. Er war ziemlich aufgeregt, du weißt, dass er kurz vor der Pensionierung steht. Jetzt iss ein Brötchen, das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages. Deine Kollegen werden frühestens in 30 bis 40 Minuten da sein, bis dahin bist du längst fertig. Da steht Butter, da Marmelade, Schinken ist im Kühlschrank. Ich muss weg, hab ’nen Garten in Laudenbach zu mähen. Bis später.« Holger stand zwei Minuten später immer noch mit offenem Hemd und Mund in der Küche und sah durch das Fenster, wie sein Vater, der mit einem kleinen Hausmeisterservice selbstständig war, mit seinem Transporter vom Hof fuhr.

***

20 Minuten später betrat Holger den Weinheimer Friedhof durch den Haupteingang. Neben dem Verwaltungsgebäude standen mehrere Dienstfahrzeuge der Polizei, ein Notarztwagen, der schwarze Wagen eines Beerdigungsunternehmens und ein Wagen der Feuerwehr. Das Blaulicht war an allen Einsatzfahrzeugen eingeschaltet. Holger fragte sich, warum man nicht auch noch die Sirenen heulen ließ.
Als er gerade am Verwaltungsgebäude vorbeigehen wollte, stellte sich ihm ein untersetzter Mann in einer grünen Latzhose in den Weg.
»Sind Sie der von der Presse? Haben wir miteinander gesprochen?«
Holger ließ sich nichts anmerken, er reichte dem Mann die Hand.
»Dann sind Sie sicher Herr ...?«
»Bresser, Kurt Bresser mein Name! Ich hab den Pfaffen gefunden. Vorhin! Da oben.« Bresser deutete den Weg hinauf. Dann blickte er misstrauisch. »Zuerst will ich wissen, was Sie zahlen. Ohne Kohle erzähl ich Ihnen exklusiv gar nichts, klar?«
Holger schüttelte mitleidig den Kopf.
»Falsch, Herr Bresser, ganz falsch.« Er holte seine Dienstmarke heraus und hielt sie Bresser vor die Nase.
»Wir sind von der überregionalen Presse, wissen Sie? Kripo Heidelberg. Uns erzählen Sie alles. Exklusiv und ohne Kohle!« Er winkte einen der herumstehenden Beamten herbei.
»Franz, passt du bitte auf, dass Herr Bresser keine Dummheiten macht? Wir werden uns später noch mit ihm unterhalten, also sei so nett und kümmere dich um ihn. Falls er Anstalten macht, zu verschwinden oder mit Vertretern der Presse zu reden, darfst du ihn nach Paragraf 233 Strafgesetzbuch ohne Vorwarnung erschießen.«
»Aber ich wollte doch nur ... ich habe doch gar nicht ...« Bresser fielen fast die Augen aus dem Kopf, als der ältere Beamte mit bösem Blick eine Hand auf seine Dienstwaffe legte und grimmig sagte: »Na, dann kommen Sie mal mit, Herr Bresser, oder ...« Dann drehte er sich grinsend zu Holger um und flüsterte:
»233 is Menschehandel, des ist dir schon klar, Herr Jungkommissar, oder?«
Holger grinste nur und beobachtete, wie Polizeiobermeister Franz Weygold Bresser in einen Mannschaftswagen lotste. Dann ging er den Weg hinauf, der ihn zum Tatort führte. Bresser hatte ihm schon den Weg gewiesen und die vielen Beamten, die mehr oder weniger gelangweilt herumstanden, führten ihn unwillkürlich zum Tatort. Holger sah sich aufmerksam um. Er war schon mehrmals in seinem Leben hier gewesen, das letzte Mal vor sieben Jahren, als seine Mutter gestorben war, aber dieser Teil der Anlage war ihm völlig fremd. Seine Mutter lag weiter nördlich, bei den neueren Gräbern. Wenn er ihr Grab besuchte, kam er durch den Hintereingang, was allerdings, das musste er sich eingestehen, immer seltener geschah. Er nahm sich fest vor, das in der nächsten Zeit zu ändern. Der breite, nach oben führende Weg war gesäumt von großen, erhaben wirkenden Roteichen und ein paar Kastanien – Holger kannte sich mit Pflanzen leidlich aus, oft genug hatte er seinen Vater begleitet. Der breite, wie eine Allee angelegte Weg endete an einem Feld voller Soldatengräber, auf jedem von ihnen war ein symbolischer Helm aus Stein befestigt. Viele der dort begrabenen Soldaten waren noch im Ersten Weltkrieg gestorben.
Darüber befanden sich terrassenähnlich angelegte Felder mit großen Rasenflächen, aufgelockert durch Buchshecken und Hunderte von roten Geranien. Dann kamen drei steinerne Kreuze, die wohl die Kriegstoten symbolisieren sollten.
Und über all dem thronte eine Christusstatue aus Stein auf einem gewaltigen Sockel. Holger schätzte die Höhe des steinernen Kreuzes auf etwa fünf Meter.

»Hallo Holger. Wir haben dich schon erwartet.« Günther Kessler, der Leiter der Außenstelle Weinheim und lange Zeit Holgers Kollege und Vorgesetzter, kam auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand.
»Paul hat dir sicher erzählt, was ...« Er deutete zum Kreuz hin.
Holger nickte.
»Günther, bevor wir anfangen: Dieser Bresser hat scheinbar Kontakt zur Presse aufgenommen. Kannst du dafür sorgen, dass weiträumig abgesperrt wird? Die Kollegen aus Heidelberg werden sicher gleich da sein und sich darüber freuen, wenn sie sich heute Abend nicht im Fernsehen bewundern können. Das Blaulicht sollten die Kollegen auch ausschalten, sonst haben wir hier bald einen Auflauf.«
Kessler nickte und sprach kurz mit einem herbeigerufenen Kollegen.
Holger war ein paar Schritte weitergegangen und stand jetzt knappe 20 Meter vor dem Toten, der noch immer an dem steinernen Kreuz hing. Die Statue hatte einen Sockel, der etwa in Höhe von einem Meter sechzig endete. Darüber begann das eigentliche Kreuz. Wie hat er ihn dort hinaufbekommen?, dachte Holger als Erstes. Oder wie haben sie ihn dort hinaufbekommen? Zwei Täter?
Auf dem Sockel stand ein Spruch, den Holger von seinem Standort nicht lesen konnte. Er bat einen der Beamten, die Zeilen abzuschreiben. Mitarbeiter der Spurensicherung, erkennbar an weißen Papieranzügen, bemühten sich, Hinweise zu sichern, der Rechtsmediziner Dr. Jürgens machte sich von allen Seiten einen ersten Eindruck vom Opfer, ein Polizeifotograf schoss Bilder. Das Gesicht des Toten war praktisch nicht mehr vorhanden, der Schädel sah aus, als habe man ihn mit einer Kettensäge behandelt. Holger sah Blut und ausgetretene Gehirnmasse auf der Schulter des Toten und konnte sich vorstellen, wie grausam der ums Leben gekommen sein musste. Er blieb mit Absicht ein wenig zurück, um keine Spuren zu verwischen, und achtete sorgfältig darauf, wo er hintrat.
Der Beamte, der den Spruch abgeschrieben hatte, kam zurück und reichte Holger ein Blatt Papier. Holger dankte und drehte sich zu den Spurensicherern um.
»Könnt ihr bitte den Baum über dem Kreuz untersuchen? Ich könnte mir vorstellen, dass der oder die Mörder dort ein Seil oder was Ähnliches angebracht hatten.«
»Ganz schön praktisch, so ein Mord vor der Haustür, was?«
Holger drehte sich um. Vor ihm stand Hauptkommissar Sven Vogler von der Polizeidirektion Heidelberg, Holgers berufliches Vorbild und seit heute sein direkter Vorgesetzter. Vogler war groß, dunkelhaarig und schlank, man sah ihm den früheren Leistungssportler an. Er hatte in seiner Jugend sehr erfolgreich mit Zehnkampf angefangen, musste aber seine Karriere vorzeitig beenden, weil er sich bei der Qualifikation zu seiner ersten Europameisterschaft beim Weitsprung einen irreparablen Meniskusschaden zugezogen hatte.
»Hallo ... Sven.« Vogler hatte ihm letzte Woche bei der Vorstellung im Rahmen einer kleinen Feier im Heidelberger Präsidium sofort das Du angeboten. Holger kam es noch etwas schwer über die Lippen, obwohl er nur ein paar Jahre jünger war als Vogler.
»Ja, sehr praktisch. Praktisch und ein wenig erschreckend.« Die beiden gaben sich die Hand. Vogler sah, wie die Mitarbeiter des Rechtsmediziners den Toten vom Kreuz nahmen. Dr. Jürgens trat zur Leiche.
»Kennst du ihn?«, fragte Vogler.
Holger grinste nachsichtig. »Auch wenn Weinheim weniger als die Hälfte von Heidelbergs Einwohnern hat, kenne ich doch nicht jede einzelne Person, die hier wohnt oder hier umgebracht wird. Schon gar nicht die männlichen Personen, geschweige denn katholische Pfarrer.«
Vogler wandte sich an die Spurensicherer:
»Wie weit seid ihr?«
»Wir sind hier mit dem Tatort fertig. Aber wir werden uns die direkte Umgebung noch genauer ansehen.«
Vogler nickte. »Danke. Doktor?«
Dr. Jürgens erhob sich, kam auf die beiden zu und begrüßte sie mit Handschlag.
»Er ist voraussichtlich durch mehrere sehr brutale Schläge auf den Kopf gestorben. Vor etwa 14 bis 18 Stunden, grob geschätzt.«
Holger rechnete nach. »Also etwa zwischen 16.00 und 18.00 Uhr?«
Der Doktor nickte. »Plus/minus eine halbe Stunde. Die Schläge wurden mit unglaublich viel Kraft durchgeführt, ich habe selten so starke Kopfwunden gesehen. Stumpfer Gegenstand, vielleicht ein Hammer oder etwas Ähnliches, ein Stein möglicherweise, Genaueres weiß ich erst nach der Obduktion. Meine Herren ...« Er wandte sich zum Gehen, drehte sich dann aber noch mal um.
»Ach ja, bevor ich es vergesse: Der kleine Finger der rechten Hand fehlt.«
»Er fehlt?«, wollte Holger sofort wissen. »Wie ... fehlt? Abgerissen? Alte Kriegsverletzung? Lochfraß?«
Dr. Jürgens sah Vogler grinsend an. »Neue Besen kehren gut, woll?«
Ohne eine Antwort abzuwarten, schüttelte er den Kopf.
»Nein, Kommissar Bürgy, kein Lochfraß, der Finger wurde frisch abgeschnitten. Einfach so, mit einer Schere, würde ich vermuten. Glatter Schnitt, aber post mortem.«
Holger wandte sich an die Spurensicherer, die gerade ihre Sachen einpackten.
»Habt ihr einen Finger gefunden?«
Alle drei schüttelten den Kopf.
»Sonst etwas?« Thomas Siegloch, einer der Spurensicherer, schüttelte nochmals den Kopf.
»Viel haben wir bisher nicht, einen Fingerabdruck auf einem Schuh, die Stricke, mit denen er angebunden war, eine schmale Reifenspur, aber ob die etwas mit dem Mord zu tun hat, wissen wir nicht. Könnte vom Kerl sein, der ihn gefunden hat. Wir werden Abdrücke machen.«
Vogler lachte leise auf. »Woher wissen wir denn, dass es sich überhaupt um einen Mord handelt? Vielleicht ist es ja nur ein extremer Fall von Selbstverstümmelung?« Jetzt lachten alle.