Interview mit Elisabeth Herrmann

HerrmannElisabeth
Kaum hat man sich daran gewöhnt, dass es neben Serienheld Joachim Vernau eine „Cleanerin“ als Buch-Protagonistin gibt, führt die auch als Drehbuch- und Jugendbuchautorin erfolgreiche Herrmann eine weitere eindrucksvolle Figur ein: Sanela Beara. Wie sie auf den Namen der kroatischen Polizistin kam, wie sich diese in „Das Dorf der Mörder“ drängelte und was sich in Sachen Verfilmung tut, berichtet sie im (nächtlichen) Mailwechsel mit Chefredakteurin Michaela Pelz.

Frau Herrmann, wo kommt denn jetzt plötzlich diese Streifenpolizistin her?

DAS frage ich mich auch! Im Exposé jedenfalls war von ihr noch so gar keine Rede.
Aber dann auf einmal, als es ums Auffinden der Leiche und die Sicherung des Tatortes ging, tauchte sie plötzlich auf. Und schlich sich nicht nur in die Geschichte, sondern auch in mein Herz.
Plötzlich, ich konnte es kaum fassen, war sie die Hauptperson und hat Jeremy, der diesen Job eigentlich hatte, vom Thron gestoßen. Aber er trägt das, glaube ich, mit Fassung.

Sie lachen … – ich sehe, wir verstehen uns. Nein, aber jetzt mal ganz im Ernst: Es gibt Autoren, die begnügen sich mit einem Serienhelden – und erfreuen damit ihre Fans über viele Jahre. Sie hingegen ließen ihrem (sehr erfolgreichen) Anwalt Vernau die Cleanerin Frau Kepler folgen, schrieben zwischendurch ein paar wundervolle Jugendbücher und nun gibt es schon wieder eine Truppe von Figuren mit dem Potential, Serienhelden zu werden. Gab es für die „alten“ Serienhelden keine neuen Geschichten oder hatten Sie persönlich Lust auf neue Figuren, anstatt die bekannten und von den Fans geliebten durch neue Abenteuer zu treiben?

Ich glaube an Serien und liebe sie – aber nur so lange, wie es auch etwas zu erzählen gibt.
Bei Vernau war nach drei Büchern das Maß an Katastrophen voll. Ich wollte dem guten Mann einfach eine Erholungspause gönnen. Man kann ihn doch nicht pünktlich alle 18 Monate ins nächste Abenteuer stürzen. Das ist klasse bei „Mord ist ihr Hobby“, aber nicht für eine Figur wie Vernau, die ich glaubwürdig zeichnen wollte.
Bei der Cleanerin Judith Kepler fand ich, ihre Geschichte ist erzählt. Dass der NDR auf den Zug aufgesprungen ist und mit „Der Tatortreiniger“ einen Coup gelandet hat, dazu kann ich ihm nur gratulieren ;-).
Aber Judith ist nicht für eine Serie geschaffen. Dennoch existiert ein Exposé für eine Fortsetzung, aber auch die braucht ihre Zeit.
Vernau allerdings kriegt jetzt wieder was zu tun. Wenn das Buch 2014 erscheint, sind … mal rechnen …fünf Jahre seit dem letzten Fall vergangen. Das ist für eine Serie eine so lange Zeit, dass es durchaus schon wieder als Stand alone gelten kann. Entweder haben ihn bis dahin alle vergessen, oder er feiert – dank den Verfilmungen mit Jan Josef Liefers – ein furioses Comeback.

Der eine kommt zurück, die andere betritt die Szene …
Wie kam es denn nun, dass sich diese Streifenpolizistin – eine Frau, so zielstrebig wie unerschrocken – plötzlich vor all die anderen drängelte

Das ist der Zauber, den die Fantasie ins Schreiben bringt. Charaktere wachsen einem ans Herz, wollen mehr … wie in einem Film, bei dem die Statistin aus der hinteren Reihe in den Vordergrund tritt und auf einmal ein Matchplayer wird. Sanela ist eine so taffe und gleichzeitig tief in sich drin verletzte und sensible Person. Ich mochte sie am Anfang gar nicht. Das hat sie mit Judith Kepler, der Tatortreinigerin aus „Zeugin der Toten“, gemeinsam. Brüchige, vielschichtige Charaktere, die gar nicht wissen, zu was sie eigentlich fähig sind.

Einige Ihrer bisherigen Romane hatten einen „historischen“ Bezug – sprich, waren mit Vorgängen aus der Vergangenheit eng verzahnt, die allerdings neben der rein privaten auch eine gesamtgesellschaftliche Ebene hatten. Sei es „Das Kindermädchen“ oder „Die Zeugin der Toten“. Ansatzweise ist das im „Dorf der Mörder“ ebenso – denn solche „von-Gott-und-der-Welt-verlassene“ Ortschaften gab und gibt es ja tatsächlich.
Wie und wo finden Sie solche Themen?

Die Themen finden mich. Sie berühren etwas in mir, bringen etwas zum Klingen, lassen mich aufhorchen. Manchmal dauert es Jahre, bis daraus eine Geschichte wird. Das war eigentlich bei allen meinen Büchern so. Der Anfang liegt weit zurück, und ich trage den Gedanken lange, lange in mir. Bis dann tatsächlich aus einer Idee eine Geschichte wird.

Sie sagen: ‚Die Themen finden mich‘. Aber wie und wo ist das der Fall? Lesen Sie etwas in der Zeitung, sehen etwas im Fernsehen, das Sie inspiriert? Oder ist es eher die Erzählung einer Freundin beim gemeinsamen Frühstück oder die am Nebentisch zufällig belauschte Unterhaltung von Fremden?

Mal ist es, wie im „Dorf der Mörder“, die Begegnung mit einer beeindruckenden, inspirierenden Person. Mal, wie beim „Kindermädchen“, ein Leserbrief in einer Zeitung. Ein vermeidbarer Unfall mit Todesfolge, der im Bekanntenkreis geschah und mich sehr beschäftigte. Ein Spaziergang in einem kleinen, polnischen Dorf nahe der Grenze, und plötzlich steht man vor Gräbern, die im Boden versinken. So kommen die Themen. Erst mal nur als Idee, als flüchtiger Gedankenfetzen, den ich festhalte. Und dann, ganz langsam, manchmal über Jahre hinweg, schmiegt sich eine Geschichte daran.

Von Haus aus sind Sie ein gebürtiges „Hessemädsche“ – viele Ihrer Romane haben aber mit dem Osten (nicht nur Deutschlands) zu tun. Seit wann interessieren Sie sich dafür und was war der Auslöser?

Seit ich hier lebe, 1984. Bis dahin hatte ich, wie viele Westdeutsche, eigentlich null Ahnung, was sich hinter dem Eisernen Vorhang abspielte. Nach dem Mauerfall war der Osten Europas für mich das, was der Westen wohl für die DDR-Bürger war ;-)
Die Grenze zu Polen ist von hier aus keine 100 Kilometer entfernt. Ich bin so oft hingefahren, ich war ein Dutzend Mal in Moskau, dann in Petersburg, in Tallin, in Riga, in Bukarest, in den Karpaten, in Varna, nicht zu vergessen Prag und Marienbad. Und immer wieder Danzig und die pommersche Ostsee.
Herbst 2011 war ich in Odessa – eine der schönsten Städte der Welt!, in Jalta, Sotschi und Sewastopol. Mein Sehnsuchtsziel aber ist Czernowitz in der Bukowina.
Volker Koepps Film „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“ über die beiden letzten, noch im alten Czernowitz geborenen Juden, hat mir diese Stadt nähergebracht, eine DER Kulturstädte Europas und nun fast völlig an den Rand gedrängt. Ich liebe es, den Spuren der Vergangenheit zu folgen.

Manche Ihrer Kolleginnen und Kollegen reisen vor allem virtuell an die Schauplätze ihrer literarischen Aktivitäten. Sie hingegen fahren tatsächlich an die Orte, an denen Ihre Bücher spielen. Wo genau haben Sie für „Das Dorf der Mörder“ recherchiert?

Ich muss an Schauplätzen gewesen sein, um sie beschreiben zu können. Für das „Kindermädchen“ bin ich sogar bis in die Vorstädte von Kiew. Nur wer diese maroden Hochhaussiedlungen betritt, wer den Geruch in den Treppenhäusern riecht und die Schlösser, mit denen selbst die ärmlichsten Wohnungen gesichert sind, sieht – wer eine Krug Weihwasser auf dem Tisch bemerkt und erfährt, dass das die einzige Medizin ist, die diese Leute sich leisten können … der schreibt anders. Brandenburgs Entwicklung habe ich nun seit einem Vierteljahrhundert direkt vor der Haustür. Ich kenne jeden Stein, jedes Kirchspiel. Die vielen Ausflugstipps, die ich dort für den RBB gedreht habe – in jeder Region, zu jeder Jahreszeit. Da sieht man auch diese Dörfer und die Häuser, die langsam zerfallen. Also „Das Dorf der Mörder“ war quasi ein Heimspiel. Dann kam noch der Tierpark in Friedrichsfelde dazu, wo ich dank der echten Rattenzüchterin, Angela Rieck, hinter die Kulissen schauen durfte. Dieses Mal zog es mich also nicht in die Ferne, sondern in die Heimat. Durchaus ein Regionalkrimi also, aber ohne Schmunzelfaktor. ;-)

Was haben Sie beim Anblick dieser „Geisterstädte“ empfunden?

Umkehren. Irgendeine Stehbäckerei finden, was zu essen auftreiben. Trauer. Vor allem, wenn Schulen und Kindergärten verfallen oder man den Häusern noch ansieht, wie hübsch sie einmal gewesen sind.
Im Gegenzug gibt es viele positive Entwicklungen, viel Arbeit, Mühe und Geld, die investiert wurden. Ein schönes Beispiel: Das „Theater am Rand“ im Oderbruch, das der Schauspieler Thomas Rühmann gegründet hat.
Das Dörfchen Oderaue und die Gegend rund um die Zollbrücke sind zauberhaft. Aber ein paar Kilometer weiter will man abends keinen Hund mehr auf die Straße jagen.
Am absurdesten waren diese Dorferneuerungen direkt an der Oder. Picobello! Laternen! Gehwege! Straßen! Alles neu, alles vom Feinsten, und es endet — im Nichts. Alles leer, wie ausgestorben.

Und was würden Sie tun, wenn Ihnen jemand ein Anwesen „j.w.d.“ schenkte?

Kommt drauf an, wie j.w.d. ;-)
Alles bis zu einer Stunde Fahrt – gerne. Hauptsache, ich bin nicht die Einzige in einem Geisterdorf.
Ich träume ja von einem Sommerhaus. Aber bis dahin muss ich wohl noch viele, viele Bücher verkaufen ;-)

Weg von der Einsamkeit verlassener Ortschaften, hin zu den vielfältigen Aktivitäten im Tierpark. Vor und hinter den Kulissen. Wie fühlt es sich an, nachts durch einen Zoo zu laufen?

Es ist spannend, wie alles, was nicht üblich ist. Der Park ist ja unglaublich groß und sehr weitläufig. Es ist, als wäre man alleine mit den Tieren. Ein bisschen wie alleine im Kaufhaus ;-)

Sie führten lange Gespräche mit der Dame, die für die „Futtertierzucht“ im Tierpark verantwortlich ist. Wie kamen Sie auf eine Vertreterin gerade dieser Berufsgruppe? Von Pflegern und Tierärzten hat man im Zusammenhang mit Zoos ja viel gehört und gelesen, aber Futtertierzüchterinnen …

Ich habe für die Abendschau des RBB vor Jahren ein Stück über Ratten gemacht. Damals waren sie eine Plage auf Kinderspielplätzen. Da lernte ich Angela Rieck kennen und war sehr beeindruckt von ihr. Mit welcher Liebe und Fürsorge sie die Tiere aufzieht, die ja dann in den Mägen anderer Tiere enden. Sie ging mir nicht aus dem Kopf. Aber es hat, siehe oben, Jahre gedauert, bis daraus eine Geschichte wurde.

Eine weitere, eher ungewöhnliche, Tatsache ist die Herkunft ihrer kroatischen Protagonistin. Ihre „Sanela“ hätte ja auch eine Ayse oder Olga sein können, eine Regina aus dem Hohenlohischen oder eine Chantal aus Neukölln. Ist sie aber nicht. Warum?

Meine Tochter hat eine Schulfreundin, die Sanela heißt. Ich kannte den Namen nicht, außer als Bezeichnung für eine Margarine.
Ich suche immer nach Namen für meine Romane, die dem Leser das wiedererkennen erleichtern. Mich selbst stört es sehr, wenn in Büchern Leute auftauchen, deren Namen ich mir nicht merken kann und bei denen ich eigentlich zurückblättern müsste.
Tue ich meistens nicht, sodass ich manchmal am Ende eines Buches dasitze und denke, okay, Föreflukke war also der Mörder, aber wer waren nochmal Iskmökk und Juggesson?
Wenn man aber sofort mit einem Namen auch ein Gesicht, eine Figur verbinden kann, dann trägt das leicht über die ganze Geschichte. Sanela ist so ein Name. Den liest man einmal und vergisst ihn nicht mehr.

In Anbetracht der Tatsache, dass sich praktisch alles, was Sie anfassen, in Film verwandelt und auch die Szenen des aktuellen Romans (vor allem gegen Ende) so plastisch und drastisch sind, dass man die Umsetzung förmlich vor sich sieht, drängt sich natürlich die Frage auf: Hat schon ein Produzent für diesen Stoff angeklopft?

Ja.

„Geht es genauer? ;-)
Also in Sachen: Produktionsfirma …. Drehtermine … Besetzung … Sender?“

Nein ;-)

Wie groß ist bei solchen Verfilmungen Ihr Einfluss auf das Drehbuch und/oder die Auswahl der Darsteller?

Wenn ich das Drehbuch selber schreiben darf, dann habe ich in der Hand, was aus meinem Stoff wird. Natürlich muss man hart sein und Figuren und ganze Handlungsstränge kappen. Aber wenn man ein Buch 1:1 verfilmt, wird das Werk lähmende 8-9 Stunden lang.
Gerade besetzen wir „Die letzte Instanz“. Ich darf Vorschläge machen, und manches klappt tatsächlich. Z.B. der Glücksfall Inge Keller fürs „Kindermädchen“.

Manche Autoren tun sich ja sehr schwer, wenn es darum geht, zu kürzen, zu straffen, Figuren zu eliminieren – darum lassen sie meist andere an diese Arbeit gehen. Wenn Ihnen das leicht (oder sagen wir „leichter“) von der Hand geht – liegt das dann an Ihrem „Vorleben“ als TV-Frau oder sind Sie einfach ein Mensch, der sich mit den aktuellen Gegebenheiten arrangiert, weil es halt so ist, wie es ist. Sprich: Wenn es das Medium verlangt, auch Köpfe rollen lässt?

Der erste, richtige Schock war die Adaptierung vom „Kindermädchen“ als Hörspiel von Deutschlandradio Kultur. Aus 450 Seiten wurden … dreißig.
Schnappatmung! Kreisch!
Dann hab ich es mir durchgelesen, hab ein paar mal geschluckt und akzeptiert, dass 55 Minuten eben nicht reichen für alle Figuren, Dialoge und Handlungsstränge.
Wenn das Buch das Bassin ist, ist der Film das Fass und das Hörspiel das Glas. Mehr als das, was reingeht, geht nicht rein. Punkt.
Aber man kann als Drehbuchautor entscheiden, was unter den Tisch fällt und was vom Skelett der Geschichte bleibt. Und man hat eine neue Dimension: Das Bild. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es so schön. Das hilft enorm.
Obwohl ich natürlich sehr begehrlich auf die Zwei- und Dreiteiler schaue. Das wär schon was … aber soweit ist es (noch) nicht.

Zum Schluss möchten wir natürlich wissen: Wie geht es weiter? Was kommt als nächstes? Und wo kann man zeitnah erfahren, was sich mit Ihren Büchern und Filmen so tut?

Das erfahren alle, die sich dafür interessieren, auf meiner Facebook-Seite „Elisabeth Herrmann und ihre Bücher“. Am 5. Februar beginnen die Dreharbeiten für „Die letzte Instanz“ mit Jan Josef Liefers. Im Juli erscheint ein neues Jugendbuch, aber das ganze Jahr habe ich mir eigentlich für ein ganz besonderes Comeback reserviert. Nach fünf Jahren wird es 2014 wieder einen neuen Vernau geben. Darauf freue ich mich ganz besonders.

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Die Antworten auf ihre Fragen an Frau Herrmann erhielt Chefredakteurin Michaela Pelz mehrfach deutlich nach Mitternacht ;-)
(Januar 2013)

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