Interview mit Jan Seghers

Jan Seghers (Foto: Susanne Schleyer)

Jan Seghers (Foto: Susanne Schleyer)

Eigentlich ist der 1958 geborene Matthias Altenburg von Beruf Lektor und Journalist.
Seit 2004 verfügt der Radsportfan aber noch über eine zweite Identität: Als „Jan Seghers“ schreibt er erfolgreiche Kriminalromane, in deren Mittelpunkt ein Frankfurter Kommissar steht.
Soeben ist mit „Die Akte Rosenherz“ im Wunderlich-Verlag bereits der 4. Band erschienen, den der Hesse am 12. März um 20.00 (Einlass ab 19:30) Uhr im Rahmen des Krimifestival München in der Gemeindebücherei Vaterstetten vorstellt.

Die Begrüßung stellt im Grunde schon die erste Frage dar:

Wie möchten Sie angesprochen werden: Mit „Jan Seghers“ oder lieber mit Ihrem richtigen Namen „Matthias Altenburg“?

Das dürfen Sie sich aussuchen.

Ich suche mir dann aus, ob ich mich angesprochen fühle.

Was passiert in und mit Ihnen in dem Moment, in dem Sie den Namen und die Funktion bzw. die Tätigkeit wechseln, also vom Journalisten und Kritiker zum Krimiautor werden – denken, sprechen, schreiben Sie anders?

Krimis gehorchen eigenen Gesetzen. Sie müssen realistisch, spannend, glaubwürdig sein.

Ich merke, dass es mir und meiner Arbeit gut tut, wenn ich in eine andere Haut schlüpfe. Mein Pseudonym ist also kein Versteckspiel vor der Öffentlichkeit, sondern ein Trick, den ich vor mir selbst anwende.

In „Die Akte Rosenherz“ geht es um einen Kunstraub, der in Verbindung steht mit einem ungelösten Fall aus dem Jahr 1966, dem Mord an einer Prostituierten.

Vorbild für Letzteren war der echte Fall „Helga Matura“, von dem Sie in Peter Kupers „Hamlet oder die Liebe zu Amerika“ erfuhren.

Wann haben Sie das Buch gelesen und was war der Auslöser dafür, dass Sie diesen historischen Mord als Ausgangspunkt für Ihr Buch verwendeten?

Als ich vor über zwanzig Jahren nach Frankfurt kam, habe ich Kupers Erinnerungen zum ersten Mal gelesen. Das Buch war für mich eine Art Stadtführer von unten.

Kuper, dieser schlaksige Halbwelt-Streuner, erzählt darin, dass er mit Helga Matura eine Zeit lang liiert war. Als sie 1966 erstochen wurde, geriet er ins Visier der Ermittler. Er war die Spur Nummer 1.

Aber der Mord wurde nie aufgeklärt. Er ist eines der großen Rätsel der deutschen Kriminalgeschichte. Und ein solches großes Rätsel ist der beste Ausgangspunkt für einen guten Kriminalroman.

Wie eine Ihrer Hauptfiguren, die Journalistin Anna, lasen Sie sich bei der Vor-Recherche durch zigtausende Seiten echter Ermittlungsakten. Wie stellt man es an, solches Material zu bekommen?

Das war schon selbst ein kleiner Krimi.

Aber ich will nicht zu viel verraten, denn die abenteuerliche Suche nach der Akte ist ja Teil des Romans geworden.

Anna und auch Ihr Serienheld Robert Marthaler arbeiten nicht selten bis in die frühen Morgenstunden. Wann ist Ihre produktivste Zeit?

Ich bin das, was man ein Early Bird nennt.

Meist wache ich zwischen vier und fünf Uhr auf, mache mir meinen ersten Cappuccino, gucke die Mails durch, schaue nach, was über Nacht in der Welt passiert ist und beginne zu arbeiten.  Dann schreibe ich bis zum Nachmittag, gehe einkaufen, koche, esse und trinke dazu einen möglichst guten Rotwein, um schließlich vor der ‚Kulturzeit‘ dem Schlaf entgegen zu dämmern.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie und Ihr Protagonist sich in mancher Hinsicht ähneln.

Nun ist Marthaler ja öfter einmal recht unbeherrscht – wie steht es mit Ihrer Contenance? Was muss passieren, damit Jan Seghers die Fassung verliert?

Wollen wir es ausprobieren?

Nein, lieber nicht.

Und wenn ich den Fernseher auslasse, gelingt es mir eigentlich ganz gut, Haltung zu bewahren. Schalte ich ihn allerdings ein, habe ich immer den Eindruck, dass mir eine solch geballte Ladung Dummheit entgegen kommt, dass ich fast augenblicklich aus der Haut fahre.

Zum Glück für Robert Marthaler hat er jedoch Menschen, die ihm – beruflich und privat – Rückendeckung geben, seine Chefin Charlotte von Wangenheim etwa oder Kriminaltechniker Sabato, sein bester Freund.

Wie gehen Sie bei der Schaffung solcher Charaktere vor?

Gibt es reale Vorbilder (das im dritten Teil kurz erwähnte „team korap“ macht ja tatsächlich Musik) oder entstehen die Figuren hauptsächlich am Reißbrett?

Um Gottes Willen. Ausgedachte Figuren sind Marionetten, sie bleiben langweilig, tot.

Nein, als Autor muss man die Augen und Ohren aufmachen.

Man muss zehn wirkliche Menschen kennen, um daraus eine gute, glaubwürdige, lebendige Figur zu machen.

In Ihren Romanen finden sich hin und wieder kurze, fast humoreske Szenen – etwa wenn in der „Partitur des Todes“ ein FH-Dozent anstatt angehende Finanzbeamte zu unterrichten in seinem Urlaub hüllenlos Tai Chi macht.

Schreiben Sie das für sich oder für die Leser, damit sie ein Gegengewicht zu den teilweise sehr dramatischen und auch tragischen Inhalten haben?

Ja, das sind so Erfrischungen, die man sich als Autor gerne gönnt.

Meist entstehen diese Szenen absichtslos. Man hat einen Schauplatz, man hat eine Figur. Und plötzlich ist eine Szene entstanden, die mich selbst laut zum Lachen bringt.

Das passiert nicht oft, gehört aber zu den schönsten Momenten beim Schreiben. Ich mache dann das Fenster zu, um die Nachbarn nicht im Schlaf zu stören.

In Ihrem Blog notieren Sie zu jedem Datum den Namen eines Prominenten, der an diesem Tag verstarb.

Seit wann und aus welchem Grund tun Sie das?

Die Gegenwart ist gemacht aus Vergangenheit.

Das Leben findet auf den Gräbern der Toten statt.

Das ist es, was ich damit zeigen will.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich gerne über Friedhöfe gehe. Ohne das Gewisper aus den Gräbern lässt sich die Welt nicht verstehen.

Die Präsentation Ihres neuen Romans hat Miroslav Nemec vorgenommen, der auch Ihre Hörbücher liest – wer ist Ihr Tatort-Lieblingskommissar?

Na, was für eine Frage.

Sie haben die Antwort schon selbst gegeben.

Es ist für mich ein großes Vergnügen, Nemec zuzuhören und zuzuschauen.

Zum Abschluss die obligatorische Frage:

Wie wird es weitergehen mit Hauptkommissar Robert Marthaler?

Spannend.

Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen!

Mit Matthias Altenburg sprach sehr gern im Vorfeld der Lesung im März 2010 Chefredakteurin Michaela Pelz.

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