Interview Oliver Bottini

Welche Getränke Oliver Bottini privat bevorzugt, warum er sich für eine weibliche Heldin entschieden hat und warum sein Roman in Freiburg spielen musste, obwohl er dort weder geboren ist, studiert hat oder lebt, das enthüllt der Kung Fu- und Qi Gong-Fan im Gespräch mit Michaela Pelz. Außerdem erklärt er, was wir aus dem Buddhismus lernen können – und wen er sich für die Verfilmung seiner Romane wünscht.

Herr Bottini, wann haben Sie Ihren letzten Jägermeister getrunken? Und wie hat er Ihnen geschmeckt?
Den letzten habe ich vor gut einem Jahr getrunken, während ich Mord im Zeichen des Zen geschrieben habe, aber rein aus Recherchegründen … Das erste Schlückchen schmeckt, der Rest nicht mehr.

Was mögen Sie dann? Und warum haben Sie dann gerade diesen Drink zum Lieblingsgetränk Ihrer Protagonistin Louise Boni gemacht?

Wenn man sich unter Menschen umhört, die mit Alkoholproblemen zu kämpfen haben, wird Jägermeister recht häufig genannt. Ich persönlich trinke eigentlich nur (und selten) Rotwein und Bier und (ganz selten) mal einen Happy-Hour-Cocktail in der Kneipe um die Ecke.

Die Heldin Ihres Erstlings „Mord im Zeichen des Zen“ ist Kommissarin – und Alkoholikerin. Aus welchem Grund haben Sie Ihre Protagonistin mit einem solchen „Handicap“ ausgestattet?

Ich finde es ausgesprochen menschlich, ein solches „Handicap“ zu haben – Alkoholismus, Depression, Ängste, Nikotinsucht. So leicht ist es nun mal nicht, mit Verlust, Einsamkeit, Trauer, enttäuschten Hoffnungen umzugehen.
Ich bewundere Menschen (in der Realität wie im fiktionalen Text), die den Kampf gegen ihre Krankheit aufnehmen. Sie sind mutig und lernen sich selbst und ihre Abgründe natürlich in einer ungewöhnlichen Intensität kennen. Menschen sind für mich dann besonders interessant, wenn sie sich nicht nur an der Oberfläche bewegen, und da ist ein Abgrund wie der, den Louise in sich spürt, natürlich sehr „ergiebig“.

Auf einer tieferen Ebene erfüllt die Alkoholsucht von Louise aber einen weiteren „Zweck“, sie bindet sie in einen größeren Romanzusammenhang ein: Im Buddhismus ist die Ursache allen Leides die Begierde, ob sie nun moralisch verwerflich ist oder einfach ein ganz normales „Ich will das und das“.
Im Roman kommen mehrere Formen moralisch verwerflicher Gier vor, denken Sie an den Kinderhandel mit sexuellem Hintergrund, die illegalen Adoptionsvermittlungen etc.
Louise leidet an einer gesellschaftlich weitgehend sanktionierten Begierde, die vielleicht nicht anderen, aber um so mehr ihr selbst schadet. Auch sie trägt die Schwäche, die Versuchung in sich, aber im Gegensatz zu den Kinderhändlern und Kinderschändern kämpft sie dagegen an, weil sie sie als schädlich erkennt.

Eltern geschieden, Bruder tot, Mann weg, schuld am Tod von mindestens einer Person … es ist ja wirklich eine Menge, was Sie dieser Vierzigjährigen aufbürden. Da darf sich der Leser fast freuen, dass Frau Boni wenigstens im Bezug auf wilden, leidenschaftlichen Sex nicht zu kurz kommt …
Wie aber kommt es, dass Sie – als Mann – eine weibliche Hauptfigur gewählt haben (was Ihnen – gerade auch bezogen auf die damit verbundene Gefühlswelt – aus der Sicht nicht nur einer Leserin, wirklich sehr ordentlich gelungen ist!)?

Erst mal: Danke, das freut mich natürlich. Und: Ja, die Sache mit dem Sex war wichtig …
Zur Frage nach der weiblichen Hauptfigur. Frauen sind in unserer Gesellschaft in maßgeblichen Bereichen immer noch (bisweilen sehr stark) unterrepräsentiert oder ohne wirklichen Einfluss (nicht zuletzt bei der Kripo). In einer angeblich so zivilisierten Gesellschaft wie der unseren zum einen ein diskriminierender Zustand, zum anderen aber auch Ausdruck von Dummheit, weil sich der Blick auf die Ereignisse dadurch stark verengt.
Auch in der Art Kriminalliteratur, wie ich sie schreibe, stößt man überwiegend auf männliche Hauptfiguren. Deshalb hatte ich keine Lust, einen weiteren Mann auf die Piste zu schicken. Das, was ich über Gesellschaft sagen will, kann ich – jedenfalls glaube ich das – aus der Perspektive einer Frau besser sagen.
Ich wollte versuchen, den herkömmlichen (sprich: männlichen) Blick durch den Blick einer nachdenklichen, kämpferischen, manchmal orientierungslosen, aber im Kern starken, renitenten Frau zu erweitern. Dazu kam, dass ich mich nicht permanent gegen all die Wallanders, Brunettis, Montalbanos, Condes, Winters usw. abgrenzen wollte, was ich hätte tun müssen, um einen unverwechselbaren Charakter zu schaffen.

Und gleich im Anschluss die Frage: Von welchem weiblichen Wesen (Gattin, Agentin, Lektorin …) ließen Sie sich beraten, wenn Sie einmal unsicher waren, wie wohl eine Frau in einem bestimmten Moment gedacht / gefühlt / reagiert hätte?

Ich habe versucht, mich intensiv in Louise hineinzuversetzen, sie wirklich kennen zu lernen. Die Konsequenz war, dass ich mir immer ziemlich sicher war, wie sie reagieren würde. Ob das dem gängigen Bild von einer Frauenreaktion entspricht, habe ich mir nie überlegt. Louise ist so, Punkt. Wichtig war mir, dass ihr Denken und Handeln psychologisch motiviert und glaubwürdig ist. Die Kategorien „weiblich“ und „männlich“ finde ich einfach zu eng und auch beengend. Sie werden einem Menschen, ob nun real oder fiktiv, außerdem nie gerecht, weil sie Oberflächenkategorien sind.
Meine Frau hat die einzelnen Kapitel während des Entstehens gelesen und nie aufgeschrieen: Das macht eine Frau aber nicht! Bei der Lektorin und dem Agenten war es auch so. Und so hatte ich das Gefühl, dass es tatsächlich ganz gut funktioniert.

Abgesehen von der Tatsache, dass Sie als Mann aus der Sicht einer Frau schreiben, haben Sie als Schauplatz für Ihren Krimi eine Stadt gewählt, in der Sie weder geboren wurden, noch studiert haben und leben tun Sie dort auch nicht … ;-)
Wieso spielt der Roman also in Freiburg und nicht in München … oder in Neuseeland bzw. Italien (den beiden Orten, die Sie in Ihren „Runddaten“ als Ihre ganz persönlichen „diesseitigen Paradiese“ bezeichnen?

Um Städte, Landschaften, geografische Gegebenheiten mit einem gewissen Mythos versehen zu können, müssen sie mir halbwegs fremd sein. Bekanntes kann ich nicht aus der (vermeintlichen!!) Banalität erheben – das war meine Erfahrung bei der Planung und beim Schreiben des Romans. Das mag idiotisch sein oder nicht, so ist es halt. Die notwendige Fremdheit entsteht durch zeitlichen Abstand, verfremdende Fiktionalisierung und eben logischerweise weitgehende Unbekanntheit.
Konkret: Italien ist mir zu nah, weil meine Frau Italienerin ist und ich es ein bisschen intensiver kennen gelernt habe. Ich hätte also gegen meine unbewussten (und bewussten) Klischees, Antipathien, Sympathien anschreiben müssen.
Neuseeland (wo ich vor siebzehn Jahren ein paar Monate war) ist reserviert für eine Sammlung von Kurzgeschichten, die ich nebenbei zu schreiben gedenke.
Ich wollte außerdem über deutsche Befindlichkeiten schreiben … Louises Familie sollte einen binationalen Hintergrund haben – Fremdheit spielt im Roman ja auch eine große Rolle -, und Freiburg wollte ich schon immer mal kennen lernen. Ich habe intensiv dort recherchiert, nachdem ich mich entschieden hatte, die Handlung im Dreiländereck anzusiedeln. Louise und mit ihr der Mythos war also vor mir dort, und das hat mir beim Schreiben unheimlich geholfen.

Ebenfalls Ihrem ausführlichen Lebenslauf entnommen, sind die Angaben zur Freizeitbeschäftigung (Kung Fu, Qi Gong) und zu Ihrer Tätigkeit als Sachbuchautor (Buddhismus, Zen). Das heißt, Sie kennen sich mit fernöstlicher Kultur recht gut aus …
Seit wann interessieren Sie sich dafür und wo liegen Ihre Schwerpunkte?

Also, ich mache seit elf Jahren Kung Fu und etwas weniger lang Qi Gong bei einem thailändischen buddhistischen Meister in München, und das hat mich natürlich geprägt, schon allein deshalb, weil es seit langer Zeit ein wichtiger Teil meines Lebens ist. Der Meister spricht oft mit uns über buddhistisches Gedankengut, durchaus auch verbunden mit Ratschlägen, und so lerne ich den Buddhismus auf eine sehr direkte, lebensnahe Weise kennen.
Ich würde aber nicht behaupten, dass ich mich gut auskenne – der Buddhismus ist schon immens vielfältig. Für meine Sachbücher habe ich intensiv recherchiert, vor allem auch in Bezug auf die Entstehungsgeschichte, aber ich habe leider ein ziemlich löchriges Gedächtnis und vergesse vieles … Es ist auch nicht so, dass ich mich jeden Tag mit jemandem darüber austauschen würde/könnte.

Wie hat’s angefangen? Ich habe irgendwann in meinen frühen Zwanzigern Herrigels wunderbares Zen in der Kunst des Bogenschießens und die berühmte Einführung ins Zen von Daisetz T. Suzuki, Die große Befreiung, gelesen (wenn auch nicht viel verstanden), außerdem war Zen für Jack Kerouac, mein „Idol“ jener Zeit, und seine Bücher wichtig. Zen wäre also ein Schwerpunkt. In letzter Zeit hatte ich einigen Kontakt zu tibetischen Buddhisten, aber da kenne ich mich noch sehr wenig aus. Interessant finde ich alle Richtungen.

Gibt es in Deutschland tatsächlich solche Zen-Klöster, wie Sie es in Ihrem Roman beschreiben? Und wenn ja, waren Sie schon einmal dort?

Es gibt in Deutschland zahlreiche Zen-Einrichtungen, die zum Teil klösterlichen Charakter haben. Auch in der Schweiz und in Frankreich gibt es viele, darunter einige nahe der Region Freiburg-Straßburg-Basel, auf französischer Seite zum Beispiel das im Roman erwähnte Ko-san-ryu-mon-ji. Ich war in deutschen buddhistischen Zentren, aber noch nicht in einem regelrechten Kloster wie im Roman. Viele haben aber eine Website, und da war ich natürlich.

In wieweit kann ein vom Buddhismus bisher relativ unbeleckter Zeitgenosse von dem Aufenthalt in so einem Kloster profitieren bzw. geht das überhaupt, kann man sich für eine Zeitlang dorthin zurückziehen, ohne mit den Ritualen vertraut zu sein oder „einen Ruf erhalten“ zu haben (wie es katholische Ordensangehörige meist ausdrücken)?

In einem Kloster wie meinem erfundenen Kanzan-an wäre es für einen Anfänger sicher nicht leicht, weil der Meister ziemlich streng ist … ;-) Aber es gibt in Deutschland hunderte nach buddhistischem Gedankengut organisierte, weniger rigide Einrichtungen, in die sich man für ein paar Tage oder auch länger zurückziehen kann, was viele Menschen ja auch tun.
Ob es hilfreich ist, hängt von der Einrichtung und dem Umfeld ab – wenn’s irgendwie esoterisch wird, würde es mir zum Beispiel gar nicht gefallen. Authentisches Zen und Buddhismus allgemein können, finde ich, uns Westlern schon viel Positives vermitteln, was in unserer Welt zu kurz kommt: innere Ruhe, Bescheidenheit, Stille, Authentizität, Gelassenheit, Einsicht, Selbstdisziplin und vieles mehr. Die Rituale lernt man, ein „Ruf“ ist nicht nötig, obwohl man sich natürlich innerlich durchaus „berufen“ fühlen kann.

Wie wird es weitergehen mit Louise Boni? Man sagt, ein zweiter Roman sei in der Mache … Dürfen sich die Fans auf eine Serie bzw. Reihe freuen?

Ich hatte von Anfang an drei Plotideen für Louise, die ich interessant fand, dazu kam während des Schreibens eine vierte. Wenn der Verlag und die Leser mitspielen, wird es also erst mal vier Romane mit ihr geben. (Der zweite ist tatsächlich in Arbeit, er erscheint Mitte 2006.)
Für mich ist es wichtig, dass ich das Gefühl habe, Plot, Geschichte und Figuren sind (zumindest aus meinem eingeschränkten Blickwinkel) einigermaßen originell und ungewöhnlich, also nicht der tausendste Aufguss von irgendwas und irgendwem. Sonst würde ich mich beim Schreiben genauso langweilen wie beim Lesen eines Durchschnittskrimis (deshalb lese ich vieles und nicht nur Krimis bloß an). Es muss also wenigstens ein bisschen originell und ungewöhnlich, dazu eindringlich und realistisch sein – und auf keinen Fall harmlos (den Begriff habe ich aus einer Rezension der taz geklaut, in der Mord im Zeichen des Zen und Louise Bonì dafür gelobt werden, dass sie eben nicht harmlos seien. Dieses Wort war für mich eine Art Offenbarung, weil es einen Aspekt meiner „Krimivision“ sehr gut beschreibt, den ich bis jetzt nicht benennen konnte).

Und schließlich: Bei diesem Stoff wäre eine Verfilmung sicherlich nicht abwegig … Wen würden Sie sich in der Rolle der Louise wünschen?

Ah, das ist natürlich eine ganz gefährliche Frage. Ich habe trotzdem wahnsinnig Lust, sie zu beantworten, und Sie dürfen mir dann ruhig vorwerfen: Jetzt hebt er ab.
Aber zuvor: Viele Leute sagen, sie können sich den Roman gut verfilmt vorstellen, ich fände es natürlich auch toll (klar) – sofern dann nicht was Mediokres, Harmloses (s.o.), TV-Movie-Weichgespültes, Kraftloses rauskäme, wie wir es so oft zu sehen bekommen (oder eben nicht, weil ich dann gleich ausschalte). Da würde ich abwinken – oder das Geld nehmen und mich aus allem raushalten :-).
Jedenfalls: Wenn ich bestimmen könnte, wer Louise Bonì spielt, würde ich zuerst Martina Gedeck fragen (die sich dann allerdings ein paar Pfunde anessen müsste).
Es gibt aber auch noch ein paar andere, die ich mir vorstellen könnte (Hintertürchen!) …

WIR DANKEN FÜR DIESES GESPRÄCH.

Das Interview führte Chefredakteurin Michaela Pelz
(November 2004)

 

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