Das Buch direkt bei Amazon bestellen Petra Busch
Schweig still, mein Kind

Knaur TB
ISBN 978-3-426-50557-1

Ein 500-Seelen-Dorf im Schwarzwald. Das pure Idyll, so scheint es.
Dann liegt in der nahen Rabenschlucht eine tote Schwangere. Sie war gerade erst nach zehn Jahren in ihre Heimat zurückgekehrt.
Hauptkommissar Ehrlinspiel nimmt die Ermittlungen auf – und stößt auf mehr als ein düsteres Dorfgeheimnis.
Und eine zweite Leiche …

Der Roman erhielt den Friedrich-Glauser Preis 2011 in der Sparte Debut.

Das Cover des Romans erhielt den „Bloody Cover 2011“ und wurde damit als das „originellste, stimmigste, markanteste oder kurzum das schönste Krimi-Cover des vergangenen Jahres eines deutschsprachigen Autors“ ausgezeichnet.

Rezension:
Der Auftakt gleicht einem Paukenschlag:
Eine arglose Spaziergängerin, angehende Autorin eines Wanderführers, findet unweit von Freiburg im Breisgau in einem Tannenwald eine tote junge Frau.
Man hat sie erschlagen.
Und damit nicht genug: Das Baby der Hochschwangeren, das ganz offensichtlich aus ihrem Leib geschnitten wurde, ist verschwunden.

Doch weit gefehlt, wer denkt, auf den nun folgenden mehr als 400 Seiten erwarte ihn ein blutrünstiger Thriller in bester US-Manier, ein grellbuntes, lautes Actionspektakel, in dessen Zentrum ein wahnsinniger Psychopath steht.

Stattdessen bekommt der Leser einen hervorragend konstruierten, packend geschriebenen Krimi mit Herz, ein Roman wie eines der von der Saxophon spielenden Protagonistin so geliebten Jazz-Stücke - verschachtelt, verschnörkelt, zuweilen schrill und ein wenig dissonant, doch in der Grundlinie stets achtsam statt reißerisch, und gleichzeitig ab dem ersten Kapitel fesselnd und spannend.

In ihrem fein komponierten Psychogramm entwirft Autorin Busch das Bild eines ganz eigenen Dorf-Mikrokosmos, gesehen durch die Augen des Kriminalhauptkommissars Moritz Ehrlinspiel, und der, nicht ganz uneigennützig agierenden, Amateurdetektivin Hanna Brock.

Beide haben es nicht leicht, die Misstrauen und Feindseligkeit ausstrahlenden Bewohner des kleinen Ortes zum Reden zu bringen, obwohl von Anfang an klar ist, dass die Figuren in diesem Kammerspiel alle etwas zu verbergen haben.

Seien es die Brüder der Ermordeten - rechtschaffener Bürgermeister und Bauer der eine, wortkarger und zuweilen etwas unheimlicher Autist der andere.
Ihre Eltern - die Mutter eine harte, unerbittliche Frau, die völlig ungerührt vom Tod der einzigen Tochter scheint, ganz im Gegensatz zum Vater, einem gebrochenen Mann.
Oder die Jugendfreunde - die jetzige Schwägerin, Schwester des grobschlächtigen Ex-Freundes mit seiner, ebenfalls hochschwangeren, eifersüchtigen Ehefrau, sowie die vom eigenen Schicksal gebeutelte ehemals beste Freundin...

Bei jeder Szene, jedem Gespräch wird klarer, dass es hier unter der Oberfläche brodelt, dass ein alter Groll hinter der neuen Trauer lauert, dass sich eine ganze Dorfgemeinschaft nicht aus verkrusteten Strukturen von Bigotterie und Aberglauben lösen kann und will.

Als Kontrapunkt dazu bewegt sich das Gespann "Polizist-Journalistin" im alt bekannten Reigen von Streit und Versöhnung potentieller Paarungspartner immer wieder aufeinander zu und voneinander weg.
Schnell wird erkennbar: Auch der Ex-Weiberheld mit Spitzenabitur Moritz, Jahrgang 73, hat sein Päckchen aus der Vergangenheit zu tragen - ebenso wie die Hamburgerin Hanna, deren Arbeitslosigkeit noch ebenso frisch ist wie das Ende ihrer Beziehung zu ihrem untreuen Verlobten.
Dennoch wirken sie nicht überladen, diese Protagonisten.
Die Heldin, neugierig zwar und stets bemüht, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen (was ihr auch vielfach gelingt), unternimmt keine waghalsigen Alleingänge, um bei Nacht und Nebel Beweismaterial zu sichern.
Der Held wiederum besitzt, trotz oder gerade aufgrund seines Berufs, ein "Fürsorge-Gen", das immer wieder zum Vorschein kommt. Ansonsten ist sein Verhalten ebenso durchwachsen wie seine Schlussfolgerungen.

Die Nebenfiguren sind ebenfalls hervorragend ausgearbeitet - etwa der Gerichtsmediziner Reinhard Larsson, ein brillanter Kopf, dem die Fachbegriffe ebenso wenig ausgehen wie die sarkastischen Bemerkungen, der aber tief verborgen in seiner Zynikerbrust völlig unerwartet doch ein Herz hat.
Oder Ehrlinspiels Kollege Paul Freitag, dessen Leidenschaft seiner Familie und skurrilen Todesanzeigen gilt.
Auch die zupackende Polizeiobermeisterin Monika Evers, die sich im dicksten Ermittlungstrubel nicht scheut, einer Kuh beim Entbinden zu helfen, ist ein echtes Highlight.

Bemüht witzige Charaktere sucht der Leser vergebens, doch geizt die Autorin nicht mit geschickt platziertem schwarzen Humor:
Etwa als die Heldin auf der Suche nach einem Zeitungsartikel, an den sie sich nur vage erinnert, eine Reihe von passenden Stichworten in die gängigen Suchmaschinen eingibt "... erhängen, enthaupten, vierteilen, rädern, ... ausweiden und ausdärmen..."

Alles in allem besticht der Debütroman der Karlsruherin einerseits durch seinen wirklich ungewöhnlichen Plot, andererseits durch die Erzählform, in der sich spannende Schilderungen und ein klassischer Showdown mit höchst ungewöhnlichen, kraftvoll-poetischen Innenansichten mischen. Egal, ob der Kommissar in Gedanken seine behütete Kindheit Revue passieren lässt oder Autist Bruno seine Mitmenschen in Ganz- und Halbkomischs einteilt, Namen in klangvolle Pflanzen verwandelt und Worte mit Farben statt Bedeutungen versieht.

Da möchte man wirklich hoffen, dass Petra Busch mit ihrem Ehrlinspiel nicht nur die Leidenschaft für Katzen und Fotografie gemeinsam hat, sondern auch den dringenden Wunsch, den Toten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen - selbst wenn die promovierte Mediävistikerin dazu die Opfer erst eigenhändig umbringen muss...

In anderen Worten: Diese Freiburger Ermittlungstruppe hat dem deutschen Krimi gerade noch gefehlt - wir wollen mehr!

Miss Sophie