Das Buch direkt bei Amazon bestellen Ursula Poznanski
Aquila

Loewe Klappenbroschur
ISBN 978-3-7855-8613-6
(ab 14 Jahre)

Ohne Erinnerung an die letzten zwei Tage streift die Studentin Nika durch Siena. Sie vermisst ihr Handy, ihre Schlüssel und ihren Pass.
Mitbewohnerin Jennifer ist ebenfalls verschwunden. Dafür steckt in Nikas Hosentasche ein Zettel mit mysteriösen Botschaften und Anweisungen.
Das Blut ist nicht deines. Du weißt, wo das Wasser am dunkelsten ist. Halte dich fern von Adler und Einhorn ...
Welchen Sinn soll das ergeben?
Und was, zum Teufel, ist geschehen zwischen Samstagabend und Dienstagmorgen?

Rezension:
Schwerer Kopf, ein Rest Übelkeit und die Schwierigkeit, sich nach dem Aufwachen im Hier und Jetzt zurechtzufinden … - praktisch kein Jugendlicher (oder Erwachsener), der das nicht schon erlebt hätte, nach einer Nacht, die vielleicht ein kleines bisschen zu feucht und/oder zu fröhlich war …
Doch bei Nika liegen die Dinge anders. Denn ihr Abend, begonnen mit Tanzen und Lachen im „Bella Vista Social Pub“ mitten in Siena, muss offenbar ein katastrophales Ende gefunden haben. Warum sonst sollte sie voll bekleidet und mit einer Verletzung im Gesicht aufwachen?

Dass der Alptraum damit erst anfängt, begreift die junge Austauschstudentin erst nach und nach. Zunächst wundert sie sich nur milde, dass Mitbewohnerin Jenny ebenso wenig aufzufinden ist wie ihr Handy. Doch dann geht ihr auf, dass sie in einer verschlossenen Wohnung ohne jede Kommunikationsmöglichkeit nach draußen sitzt. Und, völlig beängstigend: Anhand der TV-Nachrichten erkennt die blonde Deutsche, dass ihr Filmriss mehr als 48 Stunden lang sein muss.

Dann findet Nika in der Tasche ihrer völlig verdreckten Hose einen Zettel – die zahlreichen ominösen Sätze darauf sagen ihr gar nichts. Nur die Handschrift. Denn die ist ihre eigene …
Also begibt die Kunststudentin sich auf die Suche: Nach der Bedeutung der kryptischen Bemerkungen und nach dem, was in den zweieinhalb Tagen geschehen ist, die sich einfach nicht rekonstruieren lassen.

Nein, es ist keine fröhliche Schnitzeljagd, an der Autorin Poznanski ihre Leserschaft hier teilhaben lässt. Denn die Protagonistin ist eine zutiefst verunsicherte junge Frau in einer fremden Stadt, die von Haus aus das Selbstbewusstsein nicht gepachtet hat.
Ihre Sprachkenntnisse sind nach knapp zwei Monaten in der Toskana noch eher rudimentär, echte Freunde hat sie keine.
Selbst die Familie bietet wenig Rückhalt – mit dem überheblichen Stiefvater, der meint, sie müsse endlich einmal auf eigenen Füßen stehen, versteht sich Nika nicht wirklich, ihre Mutter will sie mit den Verwicklungen, in die sie hineingeraten ist, nicht belasten.

Und verwickelt ist die Situation allemal: Denn so wenig die 19-jährige selbst darüber weiß, was zwischen Samstagabend und Dienstagmorgen geschehen ist, so häufen sich doch die Berichte über ein für sie ausgesprochen untypisches Verhalten, durch das sich Nika keineswegs beliebt gemacht hat.

Hinzu kommt, dass sie verfolgt wird, jemand sich Zutritt zur Wohnung verschafft, Drohungen über die sozialen Netzwerke eintreffen und Mitbewohnerin Jenny weit mehr und weit unangenehmere Facetten zu haben scheint, als es die letzten sieben Wochen des Zusammenlebens vermuten ließen.
Als einziger Fels in der Brandung erweist sich Stefano, ein Sienese mit guten Deutschkenntnissen, weil er ein paar Jahre mit den Eltern in Hamburg gelebt hat.

Doch auch sein Verhalten wird widersprüchlich, vor allem, als ein Verbrechen entdeckt wird und Nika ins Visier der Polizei gerät, die schnell den Verdacht äußert, dass Nika ihren Gedächtnisverlust nur simuliert.
Kann sie dem jungen Italiener wirklich trauen? Er ihr? Sie sich selbst? Und wie soll sie die Flashbacks einordnen, die immer wieder völlig unerwartet zutage treten?
Es ist ein Klima aus generellem Misstrauen, in dem Nika mit dem fertigwerden muss, was sie nach und nach entdeckt. Puzzleteile, die einerseits beängstigend sind, andererseits keinerlei Sinn ergeben und an denen auch die geübte Krimileserin ganz lange scheitert, weil sie nicht den Ansatz einer Ahnung hat, was hinter all dem steht.

Das ist der große Reiz dieses Buches – die Vorstellung, völlig auf sich selbst gestellt ein Geheimnis lösen zu müssen, um Aufschluss über die eigenen Handlungen zu erhalten. Da geht es nicht mehr um ein lustiges Detektivspiel, sondern um die ureigene Persönlichkeit, das, was uns ausmacht: Ein Bewusstsein für die Dinge, die wir tun und die Rechtfertigung dafür vor uns selbst.

Zu Anfang ist Nika eine junge Erwachsene, wie es so viele gibt: Ohne herausragende Talente (abgesehen von einem fotografischen Gedächtnis), besondere Neigungen oder den Ehrgeiz, etwas Bestimmtes erreichen zu wollen. Sie lässt sich treiben – die Wahl des Studienfaches ist eher beliebig, auch der Spracherwerb steht nicht ausschließlich im Vordergrund ihres Aufenthalts in Siena.

Doch plötzlich befindet sie sich in einer Ausnahmesituation, in der sie über sich selbst hinauswachsen muss.
Kombinationsgabe allein reicht nicht aus – sie braucht Mut, gewagte Dinge zu tun, nachts, ganz allein.
Durchhaltevermögen, als die Situation ausweglos erscheint – denn nicht nur einmal gerät sie in Gefangenschaft, kann fliehen, wird verfolgt.
Wo sonst der Verstand die Oberhand hat, muss sie sich von Gefühlen leiten lassen, die lange Zeit konkrete Erinnerungen ersetzen.
Und sie muss ganz viele Gewissheiten und Überzeugungen in Frage stellen, immer wieder neu entscheiden, was sie öffentlich machen kann und darf von dem, was sie nach und nach entdeckt.

Der Roman ist faszinierend und finster zugleich, so atemlos spannend geht es zu und so perfide sind einige der Schachzüge zum Nachteil mehr als einer Figur. Nicht alle Fragen werden am Ende beantwortet – Stoff zum Nachdenken bleibt mehr als genug, vor allem, wenn sich die Grenzen zwischen gut und böse verwischen.
Ein empfehlenswerter Pageturner mit einer Protagonistin, die schnell das Herz der Leserschaft gewinnt, nicht zuletzt deswegen, weil sie sich mit beneidenswerter Zähigkeit selbst aus dem Sumpf größter Hilflosigkeit befreit.

Miss Sophie