Das Buch direkt bei Amazon bestellen Joy Fielding Kristian Lutze
Nur der Tod kann dich retten

Original: Heartstopper
Aus dem Amerikanischen von Kristian Lutze
Goldmann gebunden
ISBN 978-3-442-31151-4

Eigentlich ist Torrance in South Florida mit seinen gerade einmal viertausend Einwohnern eine sympathische Kleinstadt.
Nichts stört hier den ruhigen Gang der Dinge, man kennt sich untereinander, und niemand käme auf die Idee, von seinem Nächsten etwas Böses zu vermuten.
Der Schock ist um so größer, als an der örtlichen High School eines Tages ein Mädchen verschwindet – und man die Leiche der bildhübschen Liana Martin nach Tagen banger Suche in einem Graben auffindet.
Noch ahnt niemand, dass dies nur der erste Streich eines psychopathischen Killers gewesen ist, der sein nächstes Opfer bereits im Visier hat – und mit perfider Lust alle Vorbereitungen trifft, aus dem Hinterhalt erneut zuzuschlagen …

Rezension:
Joy Fielding schreibt spannende Thriller über Frauen in Extremsituationen.
Gattinnen, Geliebte, Mütter, Töchter, Schwestern, die am einen Morgen noch in ihrer heilen Welt erwachen, nur um am nächsten von einem Unbekannten (oder schlimmer noch, jemandem, den sie gut kennen und fürchten) gejagt und bis an die Grenzen der physischen und physischen Belastbarkeit gebracht zu werden.

Das ist diesmal anders.
In „Nur der Tod kann dich retten“ gibt es von Anfang an keine wirklich „heile“ Welt – obwohl sich das Drama in einer beschaulichen Kleinstadt im Süden Amerikas abspielt. Und obwohl die Besetzung fast tragikomische Züge hat:

Da ist der Ortspolizist, der seine trunk- und TV-süchtige Frau verachtet und sich schuldig fühlt an der Magersucht seiner Tochter. Um zu vergessen, vergisst er sich schon mal mit der Betriebsnudel des Ortes.
Die wiederum ist der Grund, warum der respektable Arzt die Mutter seiner beiden Kinder, Lehrerin an der Highschool, verlassen hat, was Letzterer auch zwei Monate später noch weidlich zu schaffen macht.
Kein Wunder: Sitz ihr doch jeden Morgen in der ersten Reihe ihrer Klasse die übergewichtige Teenager-Tochter des Trennungsgrundes gegenüber.
Ein Mädchen, das es alles andere als leicht hat: Zu Hause machen ihr die oberflächliche Mutter und die gefühlskranke Großmutter das Leben zur Hölle, in der Schule die Klassenkameraden. Und in ihrer Freizeit kümmert sie sich um die labile Frau des Barbesitzers, dessen Schlägen und Unterwerfungsriten nicht unschuldig am Zustand seiner Gattin sind.

Zu diesem Reigen bemitleidenswerter Gestalten gesellen sich eine Reihe von Lehrern mit ausgesprochen verdächtigen Hobbys und Verhaltensweisen, diverse Teenager beiderlei Geschlechts mit morbiden Gedanken und wenig politisch korrektem Benehmen – sowie ein Ich-Erzähler, der sich schon im ersten Kapitel als Mörder outet und nach und nach für immer mehr Angst und Schrecken in Torrance, South Florida, sorgt.

Gleichzeitig kehren seine Taten jedoch auch das Unterste zu oberst in dieser Kleinstadt, in der vieles anders ist als es scheint oder nach außen hin zu sein vorgibt.
Denn fast mehr als ein Thriller ist dieser Roman eine Gesellschaftsstudie.
Die Beschreibung der traurigen Realität in einem traurigen Mikrokosmos, in dem sich Menschen permanent verletzen – absichtlich oder weil es sich durch die Umstände ergibt.
Gefühle werden versteckt oder überdeckt, Vertrauen missbraucht, falsche Erwartungen geweckt.
Schülerstreiche sind nicht mehr harmlos, sondern grausam – keineswegs gedankenlos, sondern mit System werden nicht nur Klatsch und Tratsch ins Internet gestellt, sondern auch kompromittierende Schnappschüsse und Gemeinheiten. Krampfhaft bemühen sich die Figuren darum, Haltung zu bewahren, ihre Würde nicht zu verlieren und machen sich dadurch erst recht angreifbar.

Auch in Fieldings Romanen wird natürlich gemordet und gestorben. Doch ist hier die obszöne Grausamkeit des Todes nie Mittel zum Zweck. Ausgedrückte Augen und offene Leiber sucht man vergebens. Es geht um Macht, Kontrolle und darum, auf die ausgesprochen extreme Weise eine Katharsis für alle zu schaffen.

Wie immer schreibt die Kanadierin so, dass man den Roman gefesselt bis zur letzten Seite verschlingt – nicht ohne ein wie auch immer geartetes Gefühl für jede einzelne der handelnden Personen entwickelt zu haben.
Und im Bewusstsein, dass hier eine Autorin am Werk war, die trotz der Fülle der angerissenen „Geschichten in der Geschichte“ ihre Themen nie auswalzt, so dass immer das Bedauern über ein Ende nach nur 480 Seiten überwiegt.

Miss Sophie